OM, das 1. Mantra

DER STANDARD, 23. Oktober 1999

Heilsamer Hexameter oder die Sprache des Herzens
Für die Chronomedizin ist der menschliche Körper ein vielschichtiges
rhythmisches System. Neue Diagnoseformen helfen uns, diese Rhythmen zu entschlüsseln und auch zu beeinflussen.  


Doris Griesser  


Es gibt Worte, die gehen so tief unter die Haut, dass sie sogar vegetative, also willentlich nicht beeinflussbare Veränderungen im Organismus bewirken können. Diese Vermutung hegte der Berner Sprachtherapeut Dietrich von Bonin aufgrund von Beobachtungen an seinen Patienten schon lange. Nun kann er sie dank der aufsehenerregenden Entwicklung einer Grazer Forschergruppe von Physiologen und Medizintechnikern auch nachweisen.Denn mit der neuen Methode des „vegetativen Monitoring“ ist es mit dem Herzfrequenz-Meßgerät „Heartman“ erstmals möglich, die physiologischen Auswirkungen bestimmter Lautkombinationen und Sprech rhythmen auf den menschlichen Organismus zu dokumentieren, indem die autonome Steuerung des Herzschlags in einem Computerbild zeitvariant dargestellt wird. So konnte das Team etwa in ersten Versuchsreihen nachweisen, dass die Silbe OM – das aus dem Sanskrit stammende heilige Wort der Buddhisten und Hindus – deutliche Veränderungen der Herzfrequenz bewirkt, wenn es ca. 20 Sekunden lang ausgesprochen wird. Konkret steigerte sich die Herzfrequenz während der O-Phase von durchschnittlich 70 auf 110 Schläge pro Minute und fiel in der anschließenden M-Phase unter den Ausgangswert.Und was bedeutet das? „Im Ruhezustand wird der Herzschlag gewöhnlich sinusförmig vom Atem rhythmus moduliert, was im Bereich der Akustik einem Ton gleichkommt. Beim Sprechen des OM dagegen entstehen eine Grund-und zahlreiche Oberschwingungen, also ein komplexes Schwingungsereignis, ein Klang im Vegetativum“, berichtet Maximilian Moser vom Physiologischen Institut der Grazer Uni, der sich schon seit Jahren der biologischen Rhythmusforschung widmet. „Aus der Chronobiologie weiß man“, so Moser, „dass solche Klangstrukturen etwa bei der Atmung oder der Blutdruck rhythmik genau in jenen Phasen auftreten, in denen sich der Organismus besonders gut e rholen kann.“ Dabei handelt es sich um Optimierungsvorgänge, durch die sich die Körper rhythmen sozusagen aufeinander einpendeln können. Für die jeweiligen Organe bedeutet das eine beträchtliche Kraftersparnis. Die Schweizer Versuchsergebnisse legen also nahe, dass sich das Herz während des OM-Sprechens besser auf andere Organ rhythmen einstellt und sich so regeneriert, da der Organismus dadurch zu einer besonders ökonomischen Arbeitsweise gebracht werden kann – eine Beobachtung, die möglicherweise einmal für Herzinfarktpatienten von Bedeutung sein könnte. Selbstverständlich wurden entsprechende Versuche auch mit anderen Lautkombinationen durchgeführt, sie zeigten aber eine bei weitem schwächere Veränderung der Herzfrequenz. Bislang konnte nur beim rezitatorischen Sprechen im strengen Versmaß des Distichon (Hexameter und Pentameter im Wechsel) eine ähnliche Wirkung auf das menschliche Herz festgestellt werden. Diese Erkenntnis machten sich schon die alten Griechen etwa im berühmten Theater zu Ephesus zunutze, wo bis zu 30.000 Kurgäste pro Aufführung die Wirkung rhythmischer Sprache nicht nur zur geistigen Erbauung, sondern wahrscheinlich auch zu therapeutischen Zwecken nutzten.Inzwischen ist die Methode des „vegetativen Monitoring“ nicht nur in der Kardiologie und Sprachtherapie, sondern zunehmend auch in der Psychiatrie gefragt. In einem gemeinsamen Projekt mit Michael Lehofer vom LNKH Graz, der Uni-Klinik für Psychiatrie in Freiburg sowie der Johns-Hopkins Universität in Baltimore konnten die Grazer Chronomediziner unter anderem nachweisen, dass sich bei depressiven Menschen die Kopplung zwischen Pulsschlag und Atmung verringert. Aus Untersuchungen an Gesunden weiß man, dass sie im Ruhezustand nur während bestimmter Abschnitte des Herzzyklus einatmen. Unter Belastung allerdings verteilt sich die Inspirationshäufigkeit gleichmäßig auf den gesamten Herzzyklus. Bei Depressiven ist dies der Normalzustand, was einer Entkopplung von Atmung und Herzschlag gleichkommt. „Depressive atmen also auch unter ungünstigen Bedingungen ein, sodass die beiden Systeme gegeneinander arbeiten“, erklärt Moser. „Durch dieses ,schlecht abgestimmte‘ System kann sich der Organismus weniger gut e rholen, was mit dem für Depressive typischen Krankheitsbild der Erschöpfung übereinstimmt.“Die Erforschung der rhythmischen Zeitstrukturen von Lebensvorgängen hat sich in der Chronobiologie und -medizin erst vor einigen Jahrzehnten zu einem eigenen Wissenschaftszweig entwickelt. Eine gewisse Vorreiterrolle für Österreich nimmt dabei das Physiologische Institut der Grazer Universität ein, wo sich eine Arbeitsgruppe seit vielen Jahren mit diesen Fragen beschäftigt. Inzwischen wurde in Kooperation mit der steirischen Forschungsgesellschaft Joanneum Research ein eigenes außeruniversitäres Institut für Nichtinvasive Diagnostik im oststeirischen Weiz eröffnet. Unter der Leitung von Maximilian Moser – er ist die Verbindung zwischen Universität und neuem Institut – wird dort das breitgefächerte Grundlagenwissen über die Rhythmen des menschlichen Organismus und deren komplexes Zusammenspiel an sehr praxisnahen Fragestellungen angewandt. So fand man etwa im ersten Weizer Projekt gemeinsam mit dem Österreichischen Institut für Bauökologie heraus, dass in einem radiatorbeheizten Raum das menschliche Herz beim Aufstehen stärker belastet wird als in einem kachelofenbeheizten Umfeld. Mit Akzeptanzproblemen hat das neue Joanneum Research Institut offenbar nicht zu kämpfen: Das Interesse an den dort angewandten neuen Methoden der Chronomedizin sei, so Moser, nicht nur österreichweit, sondern auch international beträchtlich.  


© DER STANDARD, 23./24. Oktober 1999
 

 

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3 Antworten to “OM, das 1. Mantra”

  1. Torsten Beck Says:

    Hallo,

    es ist erfreulich zu sehen daß bei Ihnen funktionelle Aspekte aus Erfahrungsmedizin/traditionellen Verfahren-Yoga einen solchen Stellenwert genießen. In einer Heilkunde wo sonst nur sogenannte evidenzbasierte Verfahren (und insbesondere Pharmastudien) offizielle Anerkennung finden
    und eine gewisse Hörigkeit besteht ist eine (an sich naheliegende) Vermischung verschiedenster wissenschaftlicher Aspekte sehr erfrischend.

    Mit besten Grüßen

    T.Beck

  2. Die vier durchlebte Phasen eines Yoga Anfängers Says:

    […] rechte laut schnaubend ausatmeten? Was hatte es zu bedeuten, wenn 20 Menschen zusammen ein “Ooooooooommm” tönen und keiner vor Peinlichkeit errötete? Ich wusste also nichts und war dennoch von […]

  3. Die vier durchlebte Phasen eines Yoga Anfängers – Ich mach Yoga! (STAGE) Says:

    […] rechte laut schnaubend ausatmeten? Was hatte es zu bedeuten, wenn 20 Menschen zusammen ein „Ooooooooommm“ tönen und keiner vor Peinlichkeit errötete? Ich wusste also nichts und war dennoch von […]

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